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Yantra

Die Yantras sind grafische Darstellungen mit ritueller Bedeutung. Im Hinduismus und Tantrismus kommen die Kunstwerke unter anderem bei der Meditation zum Einsatz. Traditionell werden die altertümlichen Symbole der Kraft verwendet um den Geist für die spirituelle Arbeit in Balance zu bringen. Die Yantras bedeuten im Deutschen „Instrumente“. Die Wurzel des Wortes geht auf das alt-indische Sanskritwort Yam zurück, das als „stützen“ übersetzt wird. Die göttlichen Darstellungen werden als die Verkörperung der gesprochenen oder gesungenen Mantras angesehen. Neben ihrer Wirkung auf den Geist, bieten sie angenehme Designs, die dem Auge schmeicheln.

 

 

Aufbau eines Yantras

 

Die Yantras bestehen ausschließlich aus Formen der heiligen Geometrie. Im Zentrum des Designs steht der Ausgangspunkt von dem aus die weiteren Formen ausstrahlen - so wird das Auge von diesem Startpunkt aus durch das Bild geleitet. In den meisten Fällen finden sich in den Yantras geometrische Formen wie Dreiecke, Quadrate oder florale Darstellungen, aber auch komplexere Designs sind möglich. Die Modelle werden, obwohl zweidimensional konzipiert, oftmals als mehrdimensionale heilige Architektur verstanden. Vielfach handelt es sich um einen sehr symmetrischen Aufbau, der durch den Einsatz eines Rahmens nach außen abgeschlossen wird und so die Energie zusammenhält. Im Hinduismus und Buddhismus werden rituelle Bilder auch als Mandalas bezeichnet. Diese können neben den geometrischen Formen der Yantras zudem ikonografische Abbildungen enthalten. Zu finden sind Yantras unter anderem auf Metallen oder Holz, auf Papier oder Stein.

 

Die Yantras werden nach den drei Prinzipien Form, Funktion und Kraft gebildet. Sie geben den komplexen Materien und Elementen des Universums eine organisierte und simple sichtbare Form und Struktur. Diese besitzt ein individuelles Energiemuster. Die Funktion der Yantra-Symbole ist das Korrespondieren mit dem inneren Status des menschlichen Bewusstseins. Eine Stärkung, Kontrolle und Entwicklung der psychischen Kräfte kann so ermöglicht werden. Durch die regelmäßige Arbeit mit den Yantras können die Kraftsymbole der beiden Prinzipien Form und Funktion zu einer Kraft verschmelzen. Auf diese Weise kann eine weltliche Erfahrung zu einer spirituellen Erkenntnis aufsteigen.

 

Bedeutung der Yantras

 

Die Yantras gelten als Instrumente für die Offenbarung der Wege zur umfassenden Wahrheit. Die einzelnen Yantras werden genutzt um energetische Kräfte greifbar auszudrücken. Im Hinduismus werden alle physischen Objekte und Gebilde, die der Huldigung von Heiligem dienen, als Yantras bezeichnet. Gemeinsam mit den Mantras und den Tantras bilden sie so einen der drei spirituellen Pfade der Religion. Das Yantra steht hier für den Pfad der losgelösten Handlung. Die Yantras können auch genutzt werden um eine bestimmte astronomische Planetenkonstellation bezüglich eines bestimmten Zeitpunktes oder Datums zu repräsentieren. Dies kann glücksbringend sein und Emotionen begleiten und leiten.

 

Bedeutung wiederkehrender Formen und Geometrien in Yantras

 

Einige geometrische Figuren und Formen finden sich vermehrt in den unterschiedlichen Yantras, da ihnen einen wichtige Bedeutung zukommt oder sie bestimmte Elemente repräsentieren.

 
 
  • Hexagramm oder Shatkona: zeigt die Einheit von weiblich und männlich. Es besteht aus zwei übereinandergelegten Dreiecken und ist ein Abbild von Mutter Natur. Das Shatkona repräsentiert auch das Höhere Selbst.

  • Zentrum oder Bindu: der sogenannte Bindu wird als Startpunkt der Schöpfung gesehen, die auch der Anfang der Unendlichkeit sein kann. Er wird als Zeichen des Kosmos in seinem noch nicht manifestierten Zustand gedeutet. Der Bindu ist zudem als Symbol der Ganzheit und Vollkommenheit in den Yantras zu finden.

  • Kreis (Chakra): der Kreis repräsentiert in der Yantra-Symbolik das Element Wasser und die Rotation. Diese ist eng verbunden mit der Spiralform, die eine wichtige Rolle in der ganzheitlichen Entwicklung spielt und auch die Chakren, die Energiezentren, verkörpert. Der Kreis steht mit dem Geist in Verbindung.

  • Quadrat (Bhupura): das Element Erde und die vier Himmelsrichtungen werden durch das Quadrat dargestellt. Es repräsentiert den Körper, die Materie und die Stabilität.

  • Dreieck (Trikona) mit Spitze nach unten: das Wissen, aber auch das Element Wasser werden durch das Dreieck mit einer nach unten zeigenden Spitze repräsentiert. Im Allgemeinen stehen Dreiecke in den Yantras für Energie.

  • Dreieck (Trikona) mit Spitze nach oben: steht in den Yantras für die Kraft des Elementes Feuer.

  • Linie diagonal: das Element Luft wird durch eine diagonale Linie symbolisiert. Im Allgemeinen stehen die geraden Linien für die menschliche Seele. Sie teilen eine Darstellung in zwei Seiten des gleichen Gebildes und spiegeln damit die Dualität beispielsweise zwischen Gut und Böse, Mann und Frau oder Tag und Nacht wider.

  • Linie horizontal: die Kraft des Elementes Wasser zeigt sich in Yantras als horizontale Linie.

  • Linie vertikal: das kraftvolle Element Feuer findet sich in der Symbolkraft der Yantras in einer vertikalen Linie.

  • Punkt: repräsentiert den Äther.

  • Lotosblume (Padma): die Lotosblume findet sich in allen Symbolen der Chakras und nimmt in vielen östlichen Religionen eine wichtige spirituelle Position ein. Sie wird aufgrund des bekannten selbstreinigenden Lotoseffektes ihrer Blätter mit der Reinheit in Verbindung gebracht und steht für die Freiheit von äußeren Einflüssen. Wegen ihres Wuchses mit den Wurzeln im Schlamm, dem Stängel im Gewässer bis zur Blütenbildung an der Oberfläche ist sie zudem ein Symbol für den Weg zur Erleuchtung.

Sri Yantra: innere und kosmische Kraft mit dem „Göttinnen-Symbol“ verbinden

 

Das bekannteste Yantra ist das kraftvolle Sri Yantra (auch Shree oder Shri). Es gilt als die spirituelle Darstellung der Schöpfung und als das kosmische Yantra, das die Ganzheit zeigt. Auch wird es als Mutter aller Yantras angesehen, denn alle weiteren Darstellungen stammen von diesem einzigartigen Design ab. In der mehrdimensionalen Architektur wird das Sri Yantra als Abbild des höchsten kosmischen Berges im Zentrum des Universums angesehen. Das Sri Yantra besteht aus einer Verflechtung von Dreiecken, die durch zwei Kreise aus Lotosblättern umgeben werden. Die Dreiecke bilden ihre Form vom Zentrum, dem Bindu, aus und stellen die Pilgerreise von der eigenen begrenzten Existenz zur ganzheitlichen Erleuchtung dar. Umrahmt werden die geometrischen Formen von der sogenannten „Erd-Zitadelle“, die sowohl die Himmelsrichtungen und die dazugehörigen schützenden hinduistischen Götter als auch den physischen Körper repräsentiert.

 

Dieses Kraftsymbol ist das sichtbare Pendant zum ebenfalls legendären und äußerst kraftvollen, tönenden Mantra „OM“, das als Urlaut der Schöpfung verstanden wird. Die Meditation mit dem Yantra verbindet die innere Kraft des individuellen Bewusstseins mit der allumfassenden Energie des Kosmos. Es repräsentiert die ausbalancierte Energie des göttlichen Weiblichen und des göttlichen Männlichen, also die harmonische Verbindung von Shiva und Shakti, die als einzigartige Kraft angesehen wird. Die Darstellung des Sri Yantras wird als „Göttinnen-Symbol“ verstanden und steht mit der Göttin Lakshmi in Verbindung, die auch den Namen Shri trägt. Sie gilt als die hinduistische Göttin des Glücks und der Schönheit. Zudem werden ihr Themen wie Gesundheit, Fülle und Fruchtbarkeit, sowie der Wohlstand zugeordnet. Dabei wird der Wohlstand nicht nur als finanzieller und materieller Reichtum verstanden, sondern bezieht auch Ebenen wie das Handeln nach hohen moralischen Gesichtspunkten und mentale Stärke mit ein. Es gibt Abbildungen und Figuren der Göttin mit vier Armen und Händen, doch sie wird auch mit dem Dreieck symbolisiert, das im „Göttinnen-Symbol“ vielfach zu finden ist. Shri repräsentiert die Lebensenergie, das sogenannte Prana. Die Göttin ist eine der zahlreichen Formen in der Shakti auftreten kann, die weibliche Urkraft und weibliche Seite der Göttlichkeit. Das „Göttinnen-Symbol“ repräsentiert diese Eigenschaften der einflussreichen Glücksbringerin.

 

 

Weitere bekannte Yantras, denen im traditionellen Hinduismus bestimmte Kräfte und göttliche Energien zugeordnet werden, sind unter anderem:

 
 
  • Baglamukhi Yantra: traditionell wird dieses Yantra angebetet um Feinde und Hindernisse zu überwinden

  • Bisa Yantra: wird mit Erfolg und Ehre in Verbindung gebracht

  • Kuber Yantra: soll Kuber, den Gott des Reichtums, wohlwollend stimmen

  • Shri Kanakdhara Yantra: wird ebenfalls eingesetzt um Wohlstand anzuziehen und Armut zu bekämpfen

  • Shri Mahalakshmi Yantra: soll dauerhaften Wohlstand sichern

  • Shri Mahamrityunjay Yantra: wird als Schutz vor schädlichen Einflüssen, Krankheiten und Unfällen genutzt

  • Surya Yantra: traditionell wird dieses Yantra eingesetzt um eine gute Gesundheit und Schutz vor Krankheiten zu erreichen. Zudem soll es den Intellekt fördern

  • Panchadashi Yantra: familiäres Glück, Erlösung und Sittlichkeit liegen in diesem Yantra verborgen

Wie wirken Yantras?

 

Das Sri Yantra Symbol soll vor mehr als tausend Jahren von meditierenden Mönchen beim vibrierenden Wiederholen des „OM“-Mantras visualisiert worden sein. Das Motiv des Sri Yantras ist heute wissenschaftlich nachzuweisen, denn Töne können durch ihre Schwingungsfrequenz Sand oder Wasser in eine bestimmte Form bringen. Hierfür wird das Material auf einer Metallfläche, die auf einem Lautsprecher steht, positioniert. Durch die Vibration der Töne ergeben sich im Sand oder Wasser Muster, die beim tönenden „OM“ tatsächlich dem von den Mönchen gefertigten bildlichen Yantra ähneln. Die traditionellen Kraftsymbole werden ausschließlich von spirituellen Meistern entwickelt um Emotionen und Stimmungen eine Form zu geben.

 

Die Yantras gelten als wichtiges spirituelles Energie-Werkzeug auf dem Weg zur Erleuchtung. Ihre Wirkung geschieht über das Fokussieren auf die Formen und Farben der Darstellung. Die Energie die von den Bildern ausgeht hallt im Geist des Betrachters wider. Das Yantra wird zu einer Pforte um Energien zu leiten. Durch diese Schwingungsfrequenz der Energien im Bewusstsein kann es zu einer erhöhten Achtsamkeit und einem erweiterten Bewusstsein kommen, es kehrt Ruhe ein - die Basis für eine Meditation. Es gibt verschiedene Methoden mit den Yantras zu arbeiten. Sie können unter anderem in Form eines Amuletts am Körper getragen werden, Betrachter können sich auf das Anschauen des Yantras konzentrieren oder das rituelle Bild innerlich visualisieren.

 

Anleitung: einfache Meditation mit Yantras

 

Alleine als Bild besitzen die Yantras keine direkte Wirkung, erst die bewusste Arbeit mit den Kraftsymbolen erweckt ihre Energie. Die Yantra-Meditation ist ein geeignetes Werkzeug um die Resonanz der individuellen Schwingungsfrequenz der spirituellen Darstellungen zu nutzen. Die einfache Yantra-Meditation ist für Einsteiger geeignet und nimmt zwischen fünfzehn Minuten bis zu einer halben Stunde Zeit ein. Sie kann täglich praktiziert werden.

 

  1. Vorbereitung auf die Yantra-Meditation

Für die Yantra-Meditation wird eine ruhige Zeit des Tages gewählt. Weitere Bewohner sollten darauf hingewiesen werden, dass in der kommenden halben Stunde keine Störungen gewünscht sind. Der Raum sollte frisch gelüftet sein und eine angenehme Temperatur aufweisen. Das Yantra wird an der Nord- oder Ostwand, mit seinem Zentrum auf Augenhöhe, befestigt.

 

 

  1. Meditationsposition einnehmen

Nach den Vorbereitungen wird eine angenehme Position zur Meditation eingenommen. Bekannt sind der Lotossitz oder der Schneidersitz. Hier kann bei Bedarf mit einem Kissen unter dem Gesäß gearbeitet werden um die Positionen angenehm zu gestalten. Es ist aber auch möglich, die Yantra-Meditation sitzend auf einem Stuhl auszuüben.

 

 

  1. Einstieg in die Yantra-Meditation: Atmung fließen lassen

Zu Beginn der Yantra-Meditation wird die Achtsamkeit auf den Atem gelenkt. Dieser fließt langsam durch die Nase ein und durch den leicht geöffneten Mund wieder aus. Dabei wird der Fluss der Luft beobachtet, aber nicht erzwungen.

 

 

  1. Achtsamkeit auf das Yantra lenken

Nachdem innere Ruhe eingekehrt ist, wird die Aufmerksamkeit auf das Yantra an der Wand gelenkt. Der Bindu, das Zentrum des Yantras, bildet den Ausgangspunkt. Er wird aufmerksam, aber entspannt betrachtet. Wenn möglich, wird nur wenig geblinzelt.

 

 

  1. Vom Yantra leiten lassen

Beim Betrachten des Yantras dürfen die Gedanken und Emotionen frei fließen, es sollte nichts erzwungen werden. Eine Fokussierung auf bestimmte Themen ist nicht nötig. Beim längeren Anblicken übernehmen die Energien des Yantras den Fluss der Energie.

Mit zunehmender Übung verschwimmen die Grenzen zwischen Meditierendem und Yantra während der Meditation. Wird die Yantra-Meditation täglich ausgeübt, bleibt das beruhigende und energiereiche Gefühl auch außerhalb der Meditation erhalten. Zu Beginn kann dieses Gefühl durch die bewusste Visualisierung des Yantras vor dem inneren Auge unterstützt werden.

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